Passivbau im Staatsformat: Brüsseler Umweltbehörde baut Europas größtes Passivbürogebäude

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Passivbau scheint stark im Trend zu liegen. Jedenfalls hat die hoch energieeffiziente Bauweise die belgische Umweltbehörde so überzeugt, dass sie ihren neuen Sitz als hundertprozentiges Passivbürogebäude errichten ließ. Sein futuristisches Aussehen brachte dem Neubau an der Havenlaan den Spitznamen „Der Toaster“ ein. Im lichtdurchfluteten Inneren kommen nur die neuesten Technologien und Materialien zum Einsatz. Grund genug, sich das Projekt der Architekten cepezed aus Delft in den Niederlanden einmal genauer anzusehen.

Passivbau: So ist er definiert

Unter einem Passivhaus versteht man ein Gebäude, das wegen seiner guten Wärmedämmung keine klassische Gebäudeheizung braucht. Allerdings ist der Begriff „Passivhaus“ nicht überall gebräuchlich, in der Schweiz etwa spricht man von Minergie-zertifizierten Häusern. In anderen Sprachen jedoch ist der deutsche Begriff „Passivhaus“ einfach als solcher übernommen worden.

Laut den international anerkannten Zertifizierungskriterien des Passivhausinstituts Darmstadt darf beim Passivhaus der Heizwärmebedarf nicht über 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr liegen. Maximal zulässig ist darüber hinaus eine Heizlast von 10 W/m2, welche aber stets (auch im Winter) über die Zuluft einbringbar sein muss. Weitere Kriterien sind:

  • Primärenergiebedarf: maximal 120 KWh/m2 a
  • Bestimmte Grenzwerte bei der Luftdichtheit
  • Bestimmte Mindestanforderungen an die Wirkungsgrade

Dabei ist „Passivhaus“ weder ein geschützter Begriff noch eine einmalig gemachte Erfindung. Vielmehr geht es um einen Baustandard, der bestimmte Anforderungen erfüllen soll. Beim „Wie“ gibt es zwar keine exakten Festlegungen, aber technisch bedingt haben sich doch einige Konstruktionsmerkmale als typisch herauskristallisiert.

Da wäre einmal die sehr gute Wärmedämmung, um möglichst wenig Energie nach außen hin zu verlieren. Dazu muss die Gebäudehülle nahezu dicht sein, zudem ist eine Wärmerückgewinnung aus der Abluft durch eine kontrollierte Wohnraumlüftung Pflicht. An Fenstern und Anschlüssen sind Wärmebrücken zu vermeiden. Die Fenster – traditionell ein neuralgischer Punkt bei der Wärmedämmung – sind bei mitteleuropäischen Passivhäusern dreifach verglast, wobei die Zwischenräume mit einem Edelgas (i. d. R. Argon) gefüllt sind. Zusätzlich haben die Fenster in Passivhäusern möglichst schmale Rahmen, um den Glasanteil zu erhöhen. Das Glas sorgt durch die Bündelung von Solarstrahlen nämlich für einen positiven Wärmeeintrag, während das Fenster als Ganzes inkl. Rahmen einen schlechteren U-Wert hat als eine wärmegedämmte Wand.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Lüftung. Da die Gebäudehülle nahezu luftundurchlässig ist, muss für die Aufrechterhaltung eines angenehmen Raumklimas ein künstlicher An- und Abtransport geschaffen werden. Dies geschieht stets durch kontrollierte Wohnraumlüftungen. Diese in den Wänden verbauten Module sorgen für einen Luftaustausch bei gleichzeitiger Wärmerückgewinnung. Zugluft und Strömungsgeräusche nehmen die Bewohner dabei kaum oder gar nicht wahr.

Da ein Passivhaus keine klassische Heizung hat, müssen andere Wärmequellen herhalten. Dies sind insbesondere die Bewohner mit ihrer Körperwärme sowie Geräte. Je nach Belegungsdichte des Hauses und Nutzerverhalten reicht diese Energie jedoch unter Umständen nicht aus, sodass zugeheizt werden muss. Der Energiebedarf hierfür darf, wie bereits erwähnt, 15 kWh/m2 a nicht überschreiten. Möglichkeiten zum Decken des Heizbedarfs sind:

  • Beheizung der Zuluft in der kontrollierten Wohnraumlüftung
  • Kompaktgeräte mit kontrollierter Wohnraumlüftung, Warmwasseraufbereitung, Mini-Wärmepumpe, Elektrozusatzheizung (nur bei kleineren Passivhäusern)
  • Klassische Anlagen aus Wärmeerzeuger und getrennter Lüftung

So ist das größte Passivbürogebäude Europas ausgestattet

Herzstück des „Toasters“ ist ein zentrales Atrium, das sich alle sieben Stockwerke hoch erstreckt. Das beeindruckt den Besucher beim Betreten sofort – man kommt sich vor wie in einem riesigen Gewächshaus. Der leichte und luftige Charakter des Atriums wird durch die weiße Farbe der inneren Stahlkonstruktion noch unterstrichen. Das Atrium ist übrigens eine Art Fortsetzung der umliegenden Gebäude. Genau gegenüber liegt ein altes königliches Depot, welches jetzt als Restaurant renoviert wurde. Von diesem kommt man also direkt in das Atrium der Umweltbehörde als „überdachter Piazza“.

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© Leon van Woerkom | Architectenbureau Cepezed

Hier liegt nicht nur der soziale Hotspot des Gebäudes, das Atrium trägt auch auf technischer Seite wesentlich zum Passivhausstandard bei, indem es viel von der durch die riesigen Fenster eingebrachten Solarwärme speichert. Selbstverständlich schützen im Sommer automatische Jalousien vor übermäßiger Sonneinstrahlung. Die große Treppe im Atrium lädt übrigens ganz bewusst zum Besteigen ein – zwar gibt es einen Lift, der soll aus Gründen der CO2-Reduzierung aber so wenig wie möglich benutzt werden.

Die Etagen sind vom Atrium aus als Betonböden sichtbar. Die ersten beiden Stockwerke beherbergen Seminar- und Konferenzräume, darüber befinden sich die individuellen Büros der Mitarbeiter. Um das sonst etwas steril wirkende Innere freundlicher und naturnaher zu gestalten, wurden insgesamt 900 Quadratmeter Holzblenden aus amerikanischer Kirsche verbaut – sicherlich ein passendes und wichtiges Element für eine Umweltbehörde. Deren thematische Schwerpunkte sind auf jeder Etage durch verschiedene Farben symbolisiert. Dabei wirken die Bürobereiche ungewöhnlich offen; Privatsphäre bzw. Abgrenzung haben die Architekten von cepezed dennoch mit Hilfe von vertikalen Holzlamellen bzw. massiven, niedrigen Holzelementen geschaffen.

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© Leon van Woerkom | Architectenbureau Cepezed

Das gewölbte Dach dient zugleich auch als Fassade. Außen ist das Gebäude mit Aluminium verkleidet, um den Wärmeeintrag durch Solarstrahlung zu erhöhen. Auf einer Seite zieren Solarpaneele das komplette Dach, was nicht nur die Energieeffizienz verbessert, sondern auch noch den schönen Effekt hat, dass dadurch die gesamte Fassade dunkel erscheint. Als zweites technisches Heizungsäquivalent fungiert eine Geothermie-Pumpe im Keller des Hauses.

Die Eckdaten: Architekten und Bauherren

Auftraggeber: Brussels Environment Agency

Architekten: architectenbureau cepezed

Architekten vor Ort: Philippe Samyn and Partners

Generalunternehmer: Van Laere. NV

Zeitspanne für das Bauvorhaben: August 2012 bis Dezember 2014

Bruttogrundfläche: 19.690 m²

Budget: ca. 50 Mio. €

Luftdichtigkeit des Gebäudes: Luftwechselrate 0,6/h bis 1,0/h, gemäß Passivhausnormen

Wasser: Dachregenwassergewinnung zur Nutzung als Grauwasser im Gebäude

Innenausbau: Rudi Van Beek

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