Architekt oder Ingenieur im Bauwesen – welches Studium eignet sich für wen?

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Der Ingenieur Im Bauwesen – auch Bauingenieur genannt – ist ein Typ in Jeans und Karohemd, der mit dem Kopf (welcher durch einen Bauhelm geschützt ist) stets beim aktuellen Projekt ist und einen Zollstock bei sich trägt. Einen Architekten hingegen erkennt man an der Designer-Hornbrille, der Künstlerfrisur, dem Moleskinge-Notizbuch und dem „Eames“-Stuhl.
Klischees oder Wahrheit? Bauingenieur und Architekt sind zwei Berufe, die sich mehr ähneln, als obige Beschreibung vermuten lassen würde. Wo aber liegen die Unterschiede? Die Frage ist durchaus praxisrelevant. Denn so mancher, für den Bauingenieurwesen das Richtige wäre, studiert Architektur und umgekehrt. Der folgende Guide hilft Ihnen zu erkennen, welcher Typ Sie sind.

Bauingenieurwesen und Architektur – Zahlen und Fakten

Zunächst einige Fakten. In Sachen Studiendauer hat Bauingenieurwesen mit 5 zu 6 Jahren die Nase vorn, da im Architekturstudium ein großes Praktikum obligatorisch ist. Wer gerne viele Damen um sich hat, ist in der Architektur besser aufgehoben: Hier sind mit ca. 40 % Anteil doppelt so viele Frauen eingeschrieben wie im Bauingenieurwesen. Die Ausfallquoten im Bachelorstudium sind z.B. an der ETH Zürich in beiden Studiengängen etwa gleich hoch (37 % Architektur, 30 % Bauingenieurwesen) – sowohl von zukünftigen Architekten als auch von Ingenieuren im Bauwesen wird eben viel verlangt, sind sie doch für Aussehen und Sicherheit unserer Häuser verantwortlich.

Während Architekten bevorzugt ein eigenes Büro gründen, orientieren sich Ingenieure im Bauwesen eher in Richtung einer höheren Angestelltenposition, z.B. Projekt- oder Abteilungsleitung in mittleren und größeren Unternehmen. Finanziell hat tendenziell das Bauingenieurwesen die Nase vorn. In der Schweiz kommen Absolventen mit 1-2 Jahren Berufserfahrung auf 70.000-90.000 Schweizer Franken (Architekten: CHF 50.000-70.000, für Deutschland berichten Quellen von ca. 32.500 € (Architekten: 26.600-29.250 €).

Kommen wir nun zu den „typischen” Charakterbildern der beiden Berufsgruppen:

Ingenieur im Bauwesen Neigungen, Interessen, Fähigkeiten

Der Bauingenieur ist Mathematiker und Naturwissenschaftler in einem. Oder, wie es der Nutzer eines Internetforums charmant auf den Punkt brachte: „Das Integral macht den Unterschied (zwischen Bauingenieur und Architekt).“ Dementsprechend hoch ist sein Interesse an mathematisch-naturwissenschaftlichen Zusammenhängen. Es fällt ihm nicht schwer, sich in tiefere mathematische (vor allem geometrische) Zusammenhänge hineinzudenken. Dabei kommt ihm sein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen zugute.
Des Weiteren hat der Ingenieur im Bauwesen eine ausgeprägte Affinität zum Problemlösen. Es motiviert ihn, mit gegebenen Rahmenbedingungen so umzugehen, dass das Bestmögliche herauskommt. Getrieben wird er dabei von der Freude an der Mitgestaltung des menschlichen Lebensraums. Hierbei arbeiten Bauingenieure oft unter der Federführung von Architekten, sind aber in einigen Bereichen (z.B. Wasserstraßen, Kläranlagen oder Kraftwerke) autonome Planer mit eigenem Verfügungsrecht.
Trotz ihrer eher linkshemisphären maskulin-logischen Denkstruktur (deswegen auch der geringe Frauenanteil im Studium) sind Bauingenieure ausgeprägte Teamplayer und bringen die Fähigkeit mit, eigene Lösungen kritisch zu hinterfragen. Für einen Ingenieur im Bauwesen sollte es ebenfalls kein Problem darstellen, viel auf Baustellen unterwegs zu sein und die Abläufe dort zu organisieren.

Architekt: Neigungen, Interessen, Fähigkeiten

Ein Architekt unterscheidet sich vom Ingenieur im Bauwesen vor allem durch das „Weniger“ an mathematischer Affinität und das „Mehr“ an gestalterischer Ausdrucksfähigkeit. In der Architektur geht es nicht zuletzt auch viel um Ästhetik. Handwerkliches Geschick ist für einen Architekten ebenfalls wichtiger als bei einem Bauingenieur, z.B. beim Herstellen von Modellen, die gerade im Studium oft gefordert werden. Auch nicht zu vernachlässigen: die Computeraffinität, da auch die Architektur immer stärker digitalisiert wird und Zeichnungen in der Regel mittels CAD-Programmen vorgenommen werden.
Der ästhetische Aspekt bewirkt auch, dass Architekten sich oft mit Fragen des Geschmacks konfrontiert sehen. Dabei gibt es kein objektives „Richtig“ oder „Falsch“, dementsprechend ist ein vernunftgeleiteter Umgang mit solchen subjektiven Urteilen wichtig. Ansonsten würde ein Architekt seines Berufslebens nicht mehr froh werden und sich permanent persönlich angegriffen fühlen. Kritikfähigkeit und Hartnäckigkeit gehören also unbedingt zu seinem Portfolio; das Hinterfragen eigener Lösungen stellt im Gegensatz zum Architekten kein so wichtiges Kriterium dar, da ja vieles subjektiv bewertet wird.
Die typische Interessen-Großwetterlage eines Architekten ist die Neugierde für städtebauliche, landschaftsplanerische, ökonomische und politische Fragestellungen bezüglich der baulichen Gestaltung menschlichen Lebensraums. Hierin ist also sein Horizont weiter gefächert als der des Bauingenieurs.

Ingenieur im Bauwesen vs. Architekt: unterschiedliche Herausforderungen

Für den Architekten ist Charakterzug Nr. 1 das Selbstvertrauen. Zwar sollte auch ein Architekt zu selbstkritischem Denken fähig sein – das ist eigentlich in jedem Berufszweig von Nutzen – aber aufgrund der schon angesprochenen Subjektivität bezüglich ästhetischer Gestaltung braucht ein Architekt ein „dickes Fell“. Das zu Beginn noch als hässlich verschriene Rathaus mag den Leuten doch irgendwann gefallen, wenn der Architekt das Stehvermögen hat, zu seinem futuristischen Entwurf zu stehen, weil er die größere Weitsicht hat, wo in 10 Jahren die Trends hingehen.
Für den Bauingenieur hingegen ist die Bereitschaft entscheidend, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich ist von seiner Arbeit die Sicherheit eines Gebäudes mit abhängig – ein bewusster Umgang mit Risiken ist daher integraler Bestandteil des Berufsbilds. Für einen Architekten spielt dies nur eine untergeordnete Rolle, für ihn ist es wichtiger integrativ zu wirken, also andere Fachdisziplinen wir Konstruktion Bauphysik, Statik und Kunstgeschichte in den architektonischen Entwurf miteinzubeziehen.

Bauingenieur und Architekt: was beide eint

Natürlich haben beide Berufe auch gemeinsame Nenner. Da wären einmal die Charakterzüge Eigeninitiative und Durchhaltevermögen. Schon im Studium kommt man ohne diese nicht weit, genauso wenig wie ohne gutes Zeitmanagement und passende Lernstrategien! Beide sollten ebenfalls Freude an der Präsentation von Projekten vor Publikum besitzen, da dies regelmäßig gefordert wird. Solche Präsentationen sollten beide sicher und überzeugend durchführen können, wobei beim Architekten das Pendel mehr Richtung Selbstvertrauen und beim Bauingenieur mehr Richtung Durchsetzungskraft/Überzeugungskraft ausschlägt.
Last but not least: Beide Berufsgruppen arbeiten an und mit Gebäuden. Gebäude prägen wesentlich das Bild unserer Städte, sind Ausdruck von Lebensgefühl und Werten. Ein sensibler Umgang mit dem kulturellen Erbe eines Landes bzw. einer Region sollte daher für beide selbstverständlich sein.

Welcher Typ sind Sie? Vielleicht haben Sie es gemerkt: Die eingangs angeführten Steckbriefe sind teilweise klischeehaft. Ein lockeres Bohémien-Leben können sich Architekten insbesondere während des Studiums, aber auch danach nicht leisten; wer den „verpeilten Künstler“ gibt, wird schnell mit dem Beton der Realität konfrontiert. Und doch trifft die Überzeichnung einen Punkt gut: Bauingenieure sind mehr mathematisch-logisch orientiert, Architekten mehr gestalterisch-expressiv.

 

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