Der Bau-Coach auf YouTube – Was Architekten erleben

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Locker, unterhaltsam und informativ, so tritt der Architekt Andreas Spaett aus Konstanz in seinen YouTube-Videos auf. Jeden Freitag um 12.12 Uhr veröffentlicht er ein neues Thema rund um die Arbeit eines Architekten. Die Bandbreite reicht dabei von „Wie wohnen wir in zehn Jahren?“ und „Gibt es Förderung für mein Bauvorhaben?“ bis zu unterhaltsamen Stücken wie „Architekt und Psychologe?“ und „Wenn Mann und Frau sich nicht einig sind“.

„Wir wollen, dass Bauen gelingt!“ erklärt Andreas Spaett. „Und je kompetenter mein Gegenüber ist, desto besser geht das.“ Die Videos sollen Bauwilligen helfen, sich schon vor dem ersten Gespräch mit dem Architekten die richtigen Gedanken zu machen und sich die richtigen Fragen zu stellen. „Manche Männer machen sich vor dem Kauf eines Autos mehr Gedanken darüber, was sie haben möchten, als bei einem Haus“, meint Spaett schmunzelnd. „Ich hatte schon Kunden, die mir sagten, dass sie eben ein Haus gekauft haben. Dann fragte ich nach: ,Haben Sie es sich genau angesehen?‘ – ,Ja, einmal. Für ein weiteres Mal war keine Zeit!‘ – ,Waren Fachleute dabei?‘ – ,Nein‘. – ,Wie alt ist das Haus denn?‘ – ,Keine Ahnung!‘. Und sie hatten sich auch gar nicht überlegt, was die Familie tatsächlich braucht.“

Die Videos sollen Gedankenanstöße geben, „denn je besser vorbereitet die Leute zu uns Architekten kommen, desto besser für alle“. Eine elementare Frage, die zum Beispiel ganz am Anfang steht: „Wie finde ich den richtigen Zeitpunkt, um zu bauen?“ Spaett: „Nehmen wir zum Beispiel eine Familie mit zwei kleinen Kindern, bei der es gerade auch einen wichtigen Karrieresprung gegeben hat, und beruflich ist man am Anschlag.“ Hier sei es vielleicht besser, noch ein paar Jahre zu warten, „denn Bauen braucht Zeit, und viele zahlen eine Immobilie über 30 Jahre hinweg ab“.

Bevor die Planung überhaupt losgeht, sei es für jeden Bauwilligen wichtig, zu klären, „Was sind Ihre Werte? Was sind Ihre Prioritäten? Was ist Ihnen wichtig?“ heißt es im Video „Wichtige Aspekte vor dem Bauen“. „Und dabei geht es nicht um Richtig und Falsch, sondern um ,Was passt zu Ihnen?‘, nicht ,Was passt zum Nachbarn?‘, Was haben meine Eltern gemacht oder sonst jemand‘, sondern ,Was passt zu Ihnen?‘.“ Mit „Ihnen“ meint Spaett die Familie oder das Paar, das bauen möchte. In diesem Zusammenhang empfiehlt der Architekt, die Menschen, die später in dem Haus wohnen werden, in die Überlegungen mit einzubeziehen. Da seien auch die Ansichten innerhalb der Familie manchmal sehr unterschiedlich. Spaett nennt ein Beispiel: „Sie ist diejenige, die sagt: ,Am liebsten soll mein Häuschen ganz bescheiden aussehen, und mir wäre es auch recht, wenn der Nachbar mir nicht den Garten gucken kann oder auf die Terrasse.‘ Der andere Partner ist dann so, dass er sagt: ,Eigentlich darf mein Gebäude ruhig was darstellen, darf auch repräsentativ sein und die anderen sollen ruhig sehen, wie schön ich’s habe!’“ Solche grundsätzlichen Dinge sollten ganz am Anfang geklärt werden. „Es sind spannende Diskussionen, die Sie da miteinander haben werden!“ wendet sich Andreas Spaett an die Bauwilligen und Zuschauer.

Was passieren kann, wenn grundsätzliche Fragen zwischen den Beteiligten nicht geklärt sind, erzählt Spaett in dem Video „Wenn Mann und Frau sich nicht einig sind“. „Wir hatten Bauherren, die sehr anspruchsvoll unterwegs waren, und die wir mit Umbau und Anbau begleitet haben.“ Bei einem der finalen Termine, bei dem es um viele gestalterische Dinge ging, wurden viele Dinge gemeinsam festgelegt und am Ende des Gesprächs schienen alle zufrieden, soweit gekommen zu sein. Eine dreiviertel Stunde später habe der Ehemann angerufen und gesagt: „Herr Spaett, hören Sie her: Alles, was wir jetzt besprochen haben, ist nichtig. Ich bin anderer Meinung, als meine Frau. Ich habe mich nur nicht getraut, das so offen zu sagen und wollte Ihnen das jetzt direkt sagen.“ Ihm sei dabei fast der Hörer aus der Hand gefallen, blickt Spaett zurück. Daraufhin habe er sich entschlossen, mal seine Rolle als Architekt im Büro zu lassen, um mit dem Ehemann ein Glas Wein trinken zu gehen. „Unter diesen Voraussetzungen konnten wir natürlich nicht arbeiten“, so Spaett.

In Fällen wie dem uneinigen Ehepaar „brauchen wir als Architekten eine hohe menschliche Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit“. Im Laufe seiner inzwischen gut 20-jährigen Tätigkeit als Architekt habe Spaett erfahren, „dass in Familien oft zu wenig über das Bauvorhaben gesprochen wird“. In einem anderen Fall habe der Mann seiner Frau überlassen, die Fliesen auszusuchen. „Es darf aber nicht sein, dass er sie erst sieht, wenn sie eingebaut werden.“

Auch bei Bauprojekten für Städte und Kommunen komme es manchmal zu Konflikten, weiß der Architekt aus Konstanz. „Ich kann mich an ein Projekt erinnern, da war sich auf der einen Seite schon der Gemeinderat uneinig, und der Bürgermeister hatte den Gemeinderat nicht im Griff.“ Spaett weiter: „Wir machten einen Entwurf, mit dem wir 90 Prozent des Gemeinderats hinter uns bekamen. Allerdings war der Bürgermeister dagegen und torpedierte das Projekt ständig mit neuen Beschlussanträgen, bis einer der Gemeinderäte plötzlich richtig laut wurde.“ In solchen Fällen sei ein Architekt auch politisch unterwegs. „Man kann in einem Gemeinderat wohl über Kosten und Nutzen diskutieren, aber nicht über persönliche Geschmäcker.“

„Die Geschichte, die ein Haus schreibt, bevor es gebaut wird, ist genauso wichtig, wie die Geschichte des Hauses selbst“, fasst Andreas Spaett die Brisanz der Konflikte zusammen. „Stellen Sie sich nur einmal vor, sie bauen ein Haus, und jedes Mal, wenn Sie zur Tür reinkommen, haben Sie das Gefühl, dass es nicht wirklich passt.“ Zu ihm seien schon Kunden gekommen, die bereits die Baugenehmigung hatten und mit der Planung doch noch mal von vorne beginnen wollten. „Und bis dahin hatte das Bauvorhaben schon
20 000 Euro gekostet.“

Mit den Bau-Coach-Videos möchte der Architekt Andreas Spaett dazu beitragen, dass Bauprojekte gleich in die richtigen Bahnen gelenkt werden. „Wir wollen einen kompetenten Bauherren!“

Andreas Spaetts Büro „Spaett Architekten“ am Münsterplatz 9 in Konstanz feiert 2016 sein 20-jähriges Bestehen. Zu Spaetts Team gehören rund 20 Mitarbeiter. Spaett selbst hat schon im dritten Semester seines Hochbau-Studiums ein Haus für Verwandte geplant. Noch vor seinem Abschluss machte er sich mit einem Planungsbüro selbständig. Die YouTube-Videos werden Teil einer Internetseite, die unter dem Titel „Bau-Coach“ steht. Die Videos findet man auf YouTube unter dem Stichwort „Spaett Architekten“, und jeden Freitag gibt es einen neuen Beitrag.

 

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