Quartier statt Gebäude – ein Umdenkprozess in Sachen Energieeffizienz

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[vc_row][vc_column width=”1/1″][vc_column_text]Beim Thema Energieeffizienz ging es lange nur darum, aus einzelnen Gebäuden das Maximum des Erreichbaren herauszuholen, ohne sich um weiter greifende Lösungen zu kümmern. In jüngster Zeit wird dieses Denken allerdings nach und nach abgelöst von der Suche nach quartiersbezogenen und quartiersgerechten Lösungen.

Der bisherige Ansatz ist deswegen nicht grundsätzlich falsch, stößt aber unter baukulturellen, konstruktiven und wirtschaftlichen Aspekten mittlerweile an seine Grenzen. Die Einsicht, dass vernünftige Synergien und sinnvolle Symbiosen meist mehr Potenzial für Energieeinsparungen in sich bergen als die simple Optimierung einzelner Gebäude, scheint sich langsam aber sicher durchzusetzen.

Auf ein komplettes Quartier bezogene Lösungen sind allerdings nicht so einfach zu finden. Denn schließlich vervielfältigt sich mit der Zahl der Eigentümer, ihrer Interessen und Vorstellungen auch die Menge der Schnittstellen und somit letztlich der Abstimmungsaufwand.

Quartier ist nicht gleich Stadtteil

Quartier statt Gebäude

Die Größe eines Quartiers bewegt sich gemeinhin unterhalb der Größe eines Stadtteils. Es handelt sich um eine deutlich kleinere Fläche zusammenhängender Gebäude, öffentliche wie private, sowie der vorhandenen Infrastruktur. Andererseits geht ein Quartierskonzept weit über die Ebene einzelner Bauherren und -träger hinaus. Es wird nicht mehr angestrebt, singuläre Hausbesitzer vom Sinn einer Sanierung ihres Gebäudes zu überzeugen. Ziel der Überzeugungsarbeit sind heute vielmehr unterschiedliche Akteure, Gruppen von Einwohnern und Eigentümern innerhalb eines Quartiers, die unter einen Hut gebracht werden müssen, wenn die Sanierungspotenziale optimal ausgeschöpft werden sollen.


Quartiersmarketing ist angesagt

Mit geeigneten technischen und planerischen Lösungen allein ist es also nicht getan. Es muss eine Art “Quartiersmarketing” her, das bei allen Beteiligten eine positive Stimmung erzeugt und unter dem Motto vereint: Es passiert etwas in meiner Umgebung, und ich will dabei sein! Die Ziele müssen nicht nur klar und deutlich ausformuliert, sondern auch entsprechend kommuniziert werden. Dafür bietet die Quartiersebene genau den richtigen Rahmen, um die differierenden Themen der Sanierung erstens überhaupt auf die Tagesordnung zu bringen und zweitens dann im Anschluss in Gang zu halten. Der Idealfall dieses “Marketings” liegt vor, wenn die Initiatoren eine Aufbruchsstimmung im gesamten Quartier erzeugen können, wenn jeder sich “angesteckt” fühlt, aktiv mitzuwirken. Die energetische Sanierung muss flächendeckend ablaufen, um langfristig Erfolge zu zeitigen. Und die Aktivitäten für ganze Straßenzüge und -blöcke müssen beschleunigt werden. Einzelne Leuchtturmprojekte können Anregungen geben, werden aber keine Bewegung ins Leben rufen, die sich der Sanierung in komplexen Zusammenhängen widmet.

Die Vorteile einer quartiersbezogenen Sanierung

Die Konzepte für quartierbezogenes Sanieren sind für die beteiligten Bürger gut überschaubar, z. B. im Gegensatz zu Umweltschutzkonzepten für eine ganze Stadt oder Region. “Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein” – ich kann mich mit den vorgeschlagenen Aktivitäten und Maßnahmen identifizieren, ich kenne die anderen Akteure aus meiner Nachbarschaft, aus meinem täglichen Leben. Ich kenne ihre Probleme, Wünsche, Vorstellungen und umgekehrt kennen sie meine. Dadurch wird nicht nur die Ansprache der Zielgruppen stark vereinfacht, auch das Potenzial an Synergien wird besser ausgeschöpft.

Gibt es einen Bürgerverein vor Ort, ist dies ein sehr guter Ansatzpunkt und ein hervorragender Multiplikator, um die Diskussion über Sanierungsfragen anzuregen. Die Informationsarbeit auf der weiter gefassten Quartiersebene macht auch inhaltlich Sinn, denn nicht selten konzentrieren sich hier die Zielgruppen. Sind beispielsweise in manchen Straßenzügen Gemeinschaften von Wohnungseigentümern vorherrschend, kann das Marketing und die Kommunikation konkret auf deren Bedürfnisse ausgerichtet werden. Wenn Sie Konzepte für ein Quartier mit überwiegend Reihenhäusern entwickeln wollen, werden Sie bei allen Besitzern wahrscheinlich auf ähnliche oder gleiche Fragestellungen stoßen. Wenn sich das Thema “energetische Sanierung” und deren Vorteile erst einmal in den Köpfen festgesetzt hat, wird es seine Kreise ziehen und für alle Beteiligten wichtig werden.

Synergien und Symbiosen schaffen – auch auf technischer Ebene

Gemeinschaftliches Handeln auf Quartiersebene schafft auch technisch und finanziell Optionen, die für die beteiligten Akteure Vorteile bringen. So können die Hausbesitzer etwa Einkaufs- und Betreibergesellschaften für Photovoltaik-Projekte bilden, sich für die Wärmeversorgung ihrer Gebäude zusammenschließen oder gemeinsam die Sanierung gleichartiger Gebäudehüllen angehen. Projekte dieser Art sind allerdings auch eine neuartige Herausforderung im Vergleich zur Sanierung von einzelnen Gebäuden. Neben ökonomischen und technischen Fragen treten vor allem juristische und organisatorische Problemstellungen in den Fokus der Planungen, die eine einvernehmliche Lösung verlangen.

Die Motivation für ein quartiersbezogenes, gemeinschaftliches Handeln wird nicht zuletzt über die Geldbörse gefördert. Die Gebäudestruktur ähnelt sich häufig, weil das Quartier in einem bestimmten Zeitraum entstanden ist. Das erfordert in der Regel gleichartige Maßnahmen, beispielsweise bei der Dämmung von Hauswänden und Dächern. Wenn die Eigentümer sich zusammenschließen und gemeinsam statt einzeln die benötigten Materialien einkaufen, können sie eine Menge Geld sparen. Und sie benötigen wahrscheinlich nur einen Architekten oder Planer, was die Kosten ebenfalls massiv senkt.

Last but not least: Eine quartiersbezogene Sanierung schafft auch ein Wir-Gefühl, das sich langfristig positiv auf das Zusammenleben auswirkt und so manche Streitereien und Nickligkeiten zwischen Nachbarn zu den Akten legen lässt.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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