Architekturpsychologie Teil 1: Von Lichtblicken und Farbenfröhlichkeit

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[vc_row][vc_column width=“1/1″][vc_column_text]Bei der Entstehung von Leben auf unserem Planeten spielte Licht eine bedeutende Rolle. Pflanzen und Tiere mussten sich seinen speziellen Eigenschaften anpassen und entwickelten im Zuge dieser Akkomodation diverse Farben und ein lichtempfindliches Organ: das Auge. Sehen ist für den Menschen so wichtig, dass die grundlegenden non-visuellen Wirkungen des Lichts häufig in den Hintergrund rücken. Tatsächlich beeinflussen Licht und Farbe unser Unbewusstes; sie entscheiden zu weiten Teilen darüber, ob wir uns in einem Raum wohlfühlen oder nicht.

Licht ist Farbe und Farbe ist Licht …

… jedenfalls in den Augen des Menschen. So kann der Mensch Licht nur dann visuell wahrnehmen, wenn er Farbe sieht, und jede sichtbare Farbe entspricht einem bestimmten elektromagnetischen Wellenlängenbereich des sogenannten Lichtspektrums. Dieses reicht beim Homo sapiens etwa von 380 bis 780 Nanometer, wobei der erste Wert die kurzwellige beziehungsweise energiereiche und der zweite die langwellige beziehungsweise energiearme Grenze markiert.

Da sich Ultraviolett in einem energiereicheren und Infrarot in einem energieärmeren Wellenlängenbereich befinden, sind die jeweiligen Strahlen für den Menschen nicht sichtbar. „Licht“ bezeichnet das Spektrum zwischen diesen Grenzbereichen und umfasst sämtliche Regenbogenfarben, von Violett und Blau über Grün und Gelb bis Dunkelrot.


Die Psychophysiologie des Farbensehens

Von der Netzhaut, der lichtempfindlichen Schicht im Auge, werden Farbeindrücke registriert. Sie enthält zwei Arten von visuellen Rezeptoren: Hätten wir lediglich Stäbchen, sähen wir nur in Schwarz und Weiß. Fürs Farbensehen zeigen sich demnach die Zäpfchen verantwortlich, die wiederum in drei Grundtypen unterteilt sind. Jeder Typus weist eine andere spektrale Empfindlichkeit auf, sodass einer die Farbe Rot, einer die Farbe Grün und einer die Farbe Blau verarbeitet. Schließlich sorgt die Korrekturfunktion des Gehirns für die Subtraktion und Addition weiterer Couleurs – in Abhängigkeit der jeweiligen Lichtwellenlänge. Farbe ist eine visuelle Erscheinung, die allerdings nicht von allen Menschen in gleicher Weise empfunden wird und entsprechend unterschiedliche Reaktionen hervorruft.

Mensch und Strahlungsenergie im unbewussten Dialog

Jeder Mensch hat seine Lieblingsfarbe und assoziiert mit ebendieser in der Regel Wohlbefinden und Entspannung, während ein anderer bei derselben Nuance möglicherweise aggressive Impulse verspürt. Farbpräferenzen sind erwiesenermaßen auch geschlechtsabhängig. Während Blau sowohl bei Frauen als auch bei Männern weltweit den ersten Platz belegt, tendieren die weiblichen Geschöpfe darüber hinaus zu diversen Rottönen.

Herren hingegen sind nicht weiter festgelegt. Die vorgeschlagenen Erklärungen für diese studienbasierten Erkenntnisse reichen von einer vermeintlich positiven Einstellung gegenüber dem Blau des Meeres oder Himmels über die Notwendigkeit in Zeiten der Jäger-Sammler-Kulturen, giftige von ungiftigen roten Beeren zu unterscheiden, bis hin zur geschätzten Gemütsbeurteilung anderer Menschen aufgrund ihrer momentanen Gesichtsfarbe.

Wie dem auch sei, der Mensch befindet sich in einem andauernden unbewussten Dialog mit der Strahlungsenergie namens Farbe. Ihre verschiedenen Wellenbereiche wirken über einen komplexen psychophysisch dynamischen Prozess, in dem alle Sinne miteinander verknüpft sind. Je nach spezieller Anwendung der Farbe und abhängig von Farbqualitäten, beeinflusst diese Energiestrahlung den Menschen, indem sie

– seine Stimmungen steuert,
– ihm Stimulanzschübe gibt,
– seinen Gesundungsprozess unterstützt oder
– krankmachende Reaktionen in ihm auslöst.

Farben können Raumdimensionen näher und verengend sowie entfernter und erweiternd erscheinen lassen. Je nach Couleur wirken Raumteile leichter und schwebender oder schwerer und lastender. Darüber hinaus vermitteln Farben häufig Temperaturempfindungen und lösen demnach eine Wärme- oder Kältewahrnehmung aus. In der Architekturpsychologie werden drei vernetzte Grundfunktionen von Farben definiert:

Ästhetik: Ästhetische und syntaktische Aspekte bestimmen vorrangig die Farben einer Fassade.

Semantik: Bei einem Farbleitsystem in einem öffentlichen Gebäude – etwa einer Schule – stellt beispielsweise die zeichengebende Orientierungsfunktion den primären Faktor dar.

Psychodynamik: Psychodynamische Gesichtspunkte können in Innenräumen den Schwerpunkt der Farbbestimmung bilden.

Welche Licht- und Farbeinflüsse sind es nun konkret, die uns beflügeln oder beruhigen?

Räumlichkeiten farblich sinnvoll gestalten

Architekturpsychologie von Lichtblicken und Farbenfröhlichkeit

Betrachten wir zunächst die den einzelnen Farben weitestgehend personenübergreifend zugeschriebenen psychologischen Wirkungen und daraus hervorgehenden praktischen Empfehlungen:

– Helles Blau sorgt für eine optische Vergrößerung kleiner, enger oder niedriger Räume. In Abhängigkeit von der jeweiligen Nuance wirkt die allseits beliebte Farbe tendenziell kühl oder beruhigend – in jedem Fall unterstützt sie bei den meisten Menschen die geistige Gelassenheit und eignet sich nicht zuletzt deshalb als ideale Wandcouleur fürs Schlafzimmer. Auch in Behandlungsräume und Wellnessbereiche fügt sich die Farbe positiv ein. Zu vermeiden ist sie hingegen in Räumlichkeiten, deren Zweck in körperlicher Ertüchtigung liegt. Darüber hinaus können dunkle Blau-Töne – vor allem großflächig angewandt – Trägheit und Melancholie hervorrufen.

– Ähnlich wie Blau hat auch Grün eine beruhigende Wirkung. Die Couleur fördert die körperliche Entspannung und ermöglicht die Freisetzung von Kreativität. Insbesondere helles Grün erinnert an den frischen Ton von Pflanzen. Apropos: Sträucher, Bäume und Blumen in der direkten Umgebung werden von Menschen als wohltuende Elemente erfahren. Dabei spielt es keine Rolle, ob die edle Begrünung in Form von Bildern oder durch den Blick aus dem Fenster ins Auge fällt – sie reduziert in jedem Fall das subjektive Stressempfinden und beeinflusst messbare Indikatoren wie Puls und Blutdruck, die Leitfähigkeit der Haut sowie die Muskelspannung positiv. Helle Grünnuancen empfehlen sich für Räumlichkeiten, die mit Rückzug und Entspannung verknüpft sind: beispielsweise fürs Wohn- und Schlafzimmer, das Bad oder auch für Pausenräume in Unternehmen und Schulen. Aufgrund ihrer beruhigenden Wirkung wird die Farbe Grün auch in den Patientenzimmern von Krankenhäusern gerne eingesetzt.

– Rosa und Pink gelten in der Farbpsychologie gleichfalls als beruhigende Couleurs. Aus diesem Grund wird mit dem von der Schweizer Farbdesignerin Daniela Späth entworfenen „Cool Down Pink“ im Strafvollzug experimentiert. Als Wandfarbe in den Zellen besonders aggressiver Häftlinge genutzt, soll der Ton seine Wirkung entfalten.

– Klassisches Rot strahlt eine ungemeine Dynamik aus. Die von Damen hochgeschätzte Farbe der Liebe wirkt anregend auf Körper und Geist – sowie den Appetit. Deshalb ist sie im Esszimmer ebenso von Vorteil wie in Restaurants. Zu viel Rot kann jedoch auch Unbehagen und Unruhe auslösen. Offenbar also nicht nur beim Stier.

– Gelb steht für Positivität und Wärme. Allerdings wird der Farbe der Sonne neben der anregenden auch eine aufregende Wirkung nachgesagt. In nicht zu grellem Ton eignet sie sich vor allem für Eingangsbereiche und fürs Kinderzimmer.

Zusätzlich zu einer geschickten Farbgebung wirken sich auch harmonische Lichtverhältnisse in einer Räumlichkeit positiv auf das Wohlbefinden der darin lebenden oder arbeitenden Menschen aus. Zur Konzentrations-, Kreativitäts- und folglich Produktivitätssteigerung sind warme Wandfarben ebenso erwünscht wie warme Lichtverhältnisse. Im Idealfall dringt reichlich Tageslicht durch entsprechend große Fenster. Bei künstlichem Licht sollte die Hauptbestrahlung von oben kommen und eine möglichst tageslichtweiße Farbe aufweisen. Ergänzend empfehlen sich dimmbare Steh- und Tischleuchten an Stellen, an denen gezieltes Licht benötigt wird.

Architekturpsychologie als Lichtblick

Nach wie vor müssen sich Architekten und Unternehmer häufig die Kritik anhören, Sie stellten zu sehr die Technik in den Mittelpunkt ihrer Raumplanungen und achteten zu wenig auf die Bedürfnisse der Nutzer beziehungsweise Mitarbeiter. Während die Arbeit des Architekten meist mit der Schlüsselübergabe endet, ist der Unternehmer zufrieden, wenn das Raumdesign ästhetisch ansprechend erscheint. Beide, der Gestalter wie derjenige, der gestalten lässt, erfahren nur selten, wie sich die Menschen in den jeweiligen Zimmern verhalten, wie es ihnen darin geht.

Die Hinzuziehung eines Architekturpsychologen hilft bei der Entwicklung nutzerfreundlicher Licht- und Farbkonzepte. Für jede involvierte Personengruppe liegt der große Sinn einer solchen Kooperation auf der Hand: Der Architekturpsychologe kann sein breit gefächertes Wissen einfließen lassen und den noch jungen Beruf weiter etablieren; der Architekt profitiert von diesem Know-how, was gleichbedeutend ist mit einer Erleichterung seiner Arbeit; der Unternehmer freut sich über zufriedene, konzentrationsstarke und zu 100 Prozent leistungsfähige Mitarbeiter und eine dadurch gewährleistete langfristige Profitsteigerung; schließlich erleben die Menschen, die sich regelmäßig in den gestalteten Räumlichkeiten aufhalten, ebendiese als warm und einladend – kurzum als Örtlichkeiten, die ein Wohlfühlen möglich machen![/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

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